Süddeutsche Zeitung, 05.02.04

 
sueddeutsche.de  

Drucken     05.02.2004

Verpflichtung des Geistes

Wolfgang Pollner stellt sich kontroversen Themen

Gräfelfing - Günter Grass gab ihm einen Korb. Und auch mit Marcel Reich-Ranicki und Christa Wolf hat es noch nicht geklappt. Aber sonst kann Wolfgang Pollner, seit 30 Jahren Vorsitzender der Literarischen Gesellschaft Gräfelfing, auf eine lange Reihe von spannenden Gästen aus Kunst, Politik und Literatur verweisen. Darunter Avi Primor, früherer israelischer Botschafter in der Bundesrepublik, der in Gräfelfing über das deutsch-israelische Verhältnis sprach; oder Literaten wie Martin Walser und Norbert Gstrein („Handwerk des Tötens“), Autoren, die nicht unbedingt den Mainstream vertreten. Kein Geringerer als Peter Sloterdijk sprach über Europa, Horst Fuhrmann, der berühmte Mediävist, übers Mittelalter und Brigitte Hamann über Hitler in Wien.

pollner.jpg (26293 Byte)

  „Das Motto unserer Gesellschaft war immer, Menschen vorzustellen, die als Person oder durch ein bestimmtes Thema in der Diskussion stehen und Diskussionen auslösen, Denkanstöße geben“, sagt der 62-Jährige Buchhändler, der bis vor drei Jahren eine Bücherstube besaß.


Wolfgang Pollner ist im Würmtal verwurzelt. In München geboren, ging er in Gräfelfing in den Kindergarten und in Pasing aufs Gymnasium. Nach dem Abschluss seiner Buchhändler-Lehre erwarb er 1974 die damalige „Bücherstube Müller“. In diesem Jahr wurde ihm auch die Literarische Gesellschaft ans Herz gelegt. Mittlerweile hat sie 214 Mitglieder, die einen kleinen Obolus von 18 Euro im Jahr bezahlen müssen, um dafür lauter Prominenz vor der Haustür treffen zu können. „Natürlich ist es nicht einfach, Menschen, die ein hohes Ansehen genießen, nach Gräfelfing zu locken“, sagt Pollner. „Aber dann weise ich sie zart darauf hin, dass man auch als Geistesmensch soziale Verpflichtungen hat. Das zieht immer“.
 

bae