Donnerstag, 03.Mai 2018

Bürgerhaus Gräfelfing am Bahnhofsplatz
 

   In Zusammenarbeit mit
    

der Gemeindebücherei Gräfelfing                                 und der VHS Würmtal





Zwischen Räterepublik und Hitler-Putsch

Der junge Freistaat Bayern (1918-1923)
im Spiegel der Literatur

100 Jahre Freistaat Bayern.
 I
m Rahmen der Veranstaltungsreihe
"Wir feiern Bayern: Jubiläumsjahr 2018"  veranstaltet die Literarische Gesellschaft Gräfelfing einen Abend in Kooperation mit der Gemeindebücherei Gräfelfing und der VHS Würmtal.


Presseartikel
 

 

Im Herbst 1918 geht der Erste Weltkrieg zu Ende. Die Novemberrevolution von 1918/19 führt in der Endphase des Krieges zum Sturz der Monarchie im Deutschen Reich und zu dessen Umwandlung in eine parlamentarische Demokratie, die Weimarer Republik.   Der erste deutsche Thron fällt in Bayern: In München proklamiert die Rätebewegung am 7. November die Bayerische Republik. Bayerns  letzter König Ludwig III. muss das Land verlassen und ins Exil nach Ungarn gehen. Auch Kaiser Wilhelm muss abdanken.

Der Beginn des Freistaats Bayern war jedoch ein einziges Fiasko. Besonders deutlich wird das an den Plänen und Zeugnissen all der Literaten, die direkt oder indirekt an dem Umsturz beteiligt waren. 

Dirk Heißerer präsentiert Literatur zwischen 1918 und 1923 und Texte von Thomas Mann, Rainer Maria Rilke und Oskar Maria Graf zur Revolution 1918.  Und er spricht über Zeugnisse von Kurt Eisner und Gustav Landauer (beide 1919 ermordet) sowie von Ernst Toller und Erich Mühsam zur Räterepublik 1919. In zahlreichen Texten spiegeln sich lange Gefängniszeiten. Der gescheiterte Hitler-Putsch vom November 1923 ist zentrales Thema in Lion Feuchtwangers Schlüsselroman "Erfolg. Drei Jahre Geschichte einer Provinz" (1930).

Dirk Heißerer, geb. 1957 in Koblenz. Dr. phil., Literaturwissenschaftler, Sachbuchautor und Herausgeber in München; Veranstalter Literarischer Spaziergänge und Exkursionen (www.lit-spaz.de). Vorsitzender des Thomas-Mann-Forums München e.V. (seit 1999); Veröffentlichungen u. a.: Wo die Geister wandern. Literarische Spaziergänge durch Schwabing (1993, Neuausgabe 2008); Wellen, Wind und Dorfbanditen. Literarische Erkundungen am Starnberger See (1995, Neuausgabe 2010); Meeresbrausen, Sonnenglanz. Poeten am Gardasee (1999); Im Zaubergarten. Thomas Mann in Bayern (2005). Herausgeber einzelner Werke u.a. von Franz Hessel, Erika Mann, Rudolf Schlichter, Kadidja Wedekind; zuletzt: Hedwig Pringsheim: Mein Nachrichtendienst. Briefe an Katia Mann (1933-1941) (zwei Bände, 2013); Thomas Mann: Richard Wagner. Vortrag (1933) (2017, zusammen mit Egon Voss). Herausgeber der Thomas-Mann-Schriftenreihe (seit 2003). Auszeichnungen u.a.: Schwabinger Kunstpreis (1993); Thomas Mann Medaille (2009).
 



Dr.
Dirk Heißerer  
Autor und Literaturwissenschaftler

 
Foto: Christina Bleier


Bild: Haus der Bayerischen Geschichte




 
Briefmarken mit dem Bild Ludwigs III. behalten ihre Gültigkeit, werden aber überstempelt.
Die Münchner oder Bayerische Räterepublik war 1918/1919
der einige Wochen währende Versuch,
 im zuvor gegründeten Freistaat Bayern eine sozialistische Republik
nach rätedemokratischem Muster durchzusetzen.

Freistaat ist die im 19. Jahrhundert entstandene deutsche Bezeichnung für einen von keinem Monarchen regierten freien Staat, das heißt für eine Republik.

In der Weimarer Republik war der Begriff des "Freistaats" die amtliche Bezeichnung der meisten deutschen Flächenländer. In den Medien und von den amtlichen Stellen wurde zunächst überwiegend die moderne Vokabel "Volksstaat" verwendet, kurzfristig auch in Bayern unter der Regierung Eisner 1818/19.  

Freistaat
ist heute die amtliche Bezeichnung für die Länder Bayern (seit 1945), Sachsen (seit 1990) und Thüringen (seit 1993) und wurde von 1945 bis 1952 auch für das Land Baden verwendet.
... In der Struktur der Bundesrepublik Deutschland mit ihrem föderalen System hat die Bezeichnung Freistaat keine rechtliche Bedeutung, da alle Länder der Bundesrepublik die gleiche verfassungsrechtliche Stellung besitzen. 
(so auch Wikipedia und Historisches Lexikon Bayerns)

  
Kurt Eisner
1867-1919
Quelle: Deutsche Historisches Museum



Quelle; (Bayerische Staatsbibliothek, Bildarchiv hoff-5124)

Gerade die frühen Jahre waren
eine schwierige und bewegte Zeit.


Bayerische
Novemberrevolution

60.000 Menschen versammelten sich am 7. November 1918 auf der Theresienwiese. Aus der Großdemo wurde die bayerische Novemberrevolution. Kurt Eisner rief noch in derselben Nacht den
Freistaat Bayern aus und setzte die Wittelsbacher ab - alles ohne einen Tropfen Blut zu vergießen.

Mit der Absetzung König Ludwigs III. war die Monarchie abgeschafft, Bayern war fortan ein Freistaat. Nach 738 Jahren war die wittelsbachische Herrschaft über Bayern beendet.

Ludwig III., dem letzten Wittelsbacher Bayern-König, blieb nichts anderes übrig, als in einer Nacht- und Nebel-Aktion mit seiner Familie ins Schloss Wildenwart am Chiemsee zu fliehen. In der Eile vergaß er in der Residenz seine "Leibwäsche" (Unterhemden und Unterhosen), die ihm Eisner aber später nachsenden ließ. Am 12. November entband Ludwig III. die Beamten vom Treueid, was einer Abdankung gleichkam.
Quelle: br   Ludwig lebte zunächst auf seinen Gütern in Ungarn und nach dem dortigen Ausbruch der Revolution in der Schweiz im Exil. Im April 1920 kehrte er nach Bayern zurück, wo er wieder auf Schloss Wildenwart wohnte und gelegentlich Ausflüge nach Lenggries und Berchtesgaden unternahm. Am 18. Oktober 1921 starb Ludwig während einer Reise auf seinem Schloss Nádasdy in Ungarn.
 



 


Proklamation des Freistaats Bayern

In der Nacht vom 7. zum 8. November 1918 schafft  Kurt Eisner, ein Journalist und eine  Führungspersönlichkeit der sozialistischen USPD, nach einer Friedenskundgebung in München mit Hilfe bewaffneter Soldaten einen Umsturz fast ohne Gegenwehr. König Ludwig III. flieht. Eisner verkündet: „Bayern ist fortan ein Freistaat.“ Eisner wird wenig später von den Arbeiter- und Soldatenräten zum Ministerpräsidenten bestimmt. Er sorgt für Frauenwahlrecht und den Acht-Stunden-Arbeitstag, verliert aber die Landtagswahl vom 12. Januar 1919 deutlich. Nur 2,5 Prozent stimmen für seine USPD. Als Eisner zurücktreten will, wird er von einem Rechtsradikalen erschossen. Die politische Gewalt in München eskaliert. Links- wie rechtsradikale Kräfte verüben Gräueltaten.  . Quelle u.a.: www.wir-feiern.bayern

Seit den späten 1950er Jahren entstand als neuer Sinngehalt des Freistaat-Begriffs die Konnotation des weiß-blauen, "widerspenstigen" Bayern, das diesen Namen als einziges westliches Land der Bundesrepublik Deutschland führte.



"Als die Dichter die Macht übernahmen"
 
Untertitel des Buches von Volker Weidermann " Träumer"


Romane und Erzählungen, Memoiren und Briefe von Autoren wie Oskar Maria Graf und Ernst Toller, Erich Mühsam und Lion Feuchtwanger, Thomas Mann und anderen berichten manchmal widersprüchlich, immer subjektiv und oftmals ideologisch gefärbt von »Revolution« und »Kasperltheater«, vom »Frühling der Anarchie« und von der »Schwabinger Schlawinerei«. Quelle
 
Ernst Toller
1893-1939
Bild: Archiv der sozialen Demokratie
Friedrich-Ebert-Stiftung
Erich Mühsam
1878-1934
Quelle: scharf-links.de
Gustav Landauer
1870-1919
Quelle: Portaloaca.com
Oskar Maria Graf
1
894-1967
(Bild: Monacensia Literaturarchiv)
Thomas Mann
Foto um 1919

(Foto: Thomas-Mann-Archiv der ETH Zürich)
Rainer Maria Rilke
!875-1926
Quelle: www.revistaprosaversoearte.com
Linkssozialistisch-pazifistischer Schriftsteller und Dramaturg
»Wer keine Kraft zum Traum hat, hat keine Kraft zum Leben.«
Anarchistischer Schriftsteller, Publizist und Antimilitarist
"Wir wollen den Frieden. Das ist die nächste schwere Aufgabe aller, die Menschliches wollen."
Anarchistischer und pazifistischer Philosoph und Schriftsteller
"Anarchie ist nicht eine Sache der Forderungen, sondern des Lebens."
Schriftsteller in Lederhose
Die Revolution 1919 erlebt Graf voller Hoffnung, Zweifel und innerer Zerrissenheit. „Ich wartete gleichsam jeden Tag auf die Revolution und schrieb Gedichte auf sie.“
Großschriftsteller
Thomas Mann war eine Gegenstimme zur bayerischen Revolution von 1918/19, ganz anders sein Bruder Heinrich Mann. Quelle
Lyriker
Vom Ausgang der Revolution ist Rilke zutiefst enttäuscht. Die 'unheilbar Unernsten, die Bürger' die eigentlich keine Veränderung wollten, hätten die Revolution verraten und sie ad absurdum geführt (Quelle)



Quelle: Bayerische Staatsbibliothek

Etappen der Revolution I:
(nach "Historisches Lexikon Bayerns")

Die Amtszeit des Ministerpräsidenten Kurt Eisner (8. November 1918-21. Februar 1919)

Etappen der Revolution II:
Von der Ermordung Eisners bis zur Ausrufung der Münchner Räterepublik (21. Februar-7. April 1919)

Etappen der Revolution III:
Die "Baierische" Räterepublik (7. April-1. Mai 1919)

Einwohnerwehren, 1919-1921
 
1920 - Die "Ordnungszelle" Bayern
1923 - Der Hitlerputsch

- auch Hitler-Ludendorff-Putsch, Bürgerbräu-Putsch, Marsch auf die Feldherrnhalle genannt - war ein am 8. und 9. November 1923 unternommener gescheiterter Putschversuch der NSDAP unter Adolf Hitler und Erich Ludendorffs sowie weiterer Beteiligter gegen die bayerische Landesregierung und nach Vorbild von Mussolinis Marsch auf Rom gegen die Reichsregierung. Die Zielsetzung des Umsturzversuchs bestand in der Beseitigung der parlamentarischen Demokratie und der Errichtung eines nationalistischen Diktatorialregimes.


Literatur zur Revolution in Bayern

 

 


 

 

 

                         
 



Lion Feuchtwanger
1884-1958
(Quelle: Jewish Book Council)

Während der Novemberrevolution 1918/1919 war Feuchtwanger krank und unbeteiligt.

Zu den Gefängnisschilderungen im Roman ERFOLG ("Zuchthaus Odelsberg") inspirierte Feuchtwanger jedoch u.a. das Schicksal von Erich Mühsam (1878-1934) und Ernst Toller (1893-1939) während der Festungshaft in Niederschönenfeld,

Spaziergang mit
Dirk Heißerer

Termin auf Anfrage

Ein Spaziergang im München-Roman Erfolg. Drei Jahre Geschichte einer Provinz (1930) lässt sich heute bequem und mit Gewinn wiederholen. Wir treffen uns am Wohnhaus des Ehepaars Lion und Marta Feuchtwanger der Jahre 1917 bis 1925, gehen mit der Romanfigur Paul Heßreiter im Jahr 1923 zum Siegestor, von dort die Ludwigstraße hinunter zur Feldherrnhalle und vom Luitpoldblock zum Justizpalast. Unterwegs begegnen wir Bert Brecht und Karl Valentin, aber auch Ludwig Thoma und Ludwig Ganghofer sowie den Malern des Blauen Reiter.



Entstanden 1925 bis 1919 in Berlin
Schutzumschlag 1930 von Georg Salter
 



Foto: Milena Heißerer (amazedmag), November 2016


Dirk Heißerer

Wikipedia -
Literarische Spaziergänge und Exkursionen - BR Heimat - Habe die Ehre! -
Thomas-Mann-Forum München e.V.
Gedruckte Widmungen von und für Thomas und Katia Mann -
Der Zauberberg in Feldafing (Villino) -  SZ: Weltbürger im 'Mausloch' - SZ: Ein Wort - ein Ort - Ein bayrischer Dichter - Oskar Maria Graf -
Das kleine Weimar im Herzogpark - Merkur: Lady Chatterleys Wurzeln im Isarwinkel -

Rowohlt - Random House - Wallstein Verlag -
Merkur. Der Detektiv vom Starnberger See -

Fotos von Katharina Kreye


Elke Naeve, Gemeindebücherei Gräfelfing                                                                                                                           Fotos: Literarische Gesellschaft


Bücher von Dirk Heißerer (Auswahl)

 
Dirk Heißerer war im April 2005 (mit 'Thomas Mann in Bayern'), im September 1995 (mit 'Wellen, Wind und Dorfbanditen - Schiffsausflug zu literarischen und kulturhistorischen Standorten rund um den Starnberger See') und im Oktober 1993 (mit 'Münchner Boheme um 1900 - Eine Topographie ihrer Geister') bei der Literarischen Gesellschaft Gräfelfing.