Donnerstag
, 16.03.17
 

Bürgerhaus Gräfelfing am Bahnhofsplatz  



Alexandra Senfft



Foto: Judah Passow

Der lange Schatten der Täter
Nachkommen stellen sich ihrer
NS-Familiengeschichte


Presseartikel

 

 

Wer weiß schon, welche Rolle die Väter oder Großväter damals während des Zweiten Weltkriegs und der Judenvernichtung spielten?

Alexandra Senfft spricht vor dem Hintergrund ihres jüngsten Buches über ihre Auseinandersetzung mit dem Erinnern, damit, wie das Schweigen über die NS-Zeit in Familien zur Last, ja zur psychischen Belastung geworden ist. Dabei stellt sie unbequeme Fragen, die mit dem Prozess des Verdrängens zu tun haben: Weshalb wurden Täter in Opfer verkehrt? Welche Rollen spielen Schuld und Scham? Gibt es so etwas wie Gerechtigkeit?

Sie will, selbst eine Betroffene durch ihren Großvater, den Nachkommen der Kriegsgeneration Wege zeigen, sich auf heilsame Weise mit ihrem Erbe auseinanderzusetzen.

So kann aus der Last der Vergangenheit eine Chance für unsere Gegenwart werden, in der es notwendig ist, Tendenzen zu Rassismus, Antisemitismus und Muslim-Feindlichkeit entgegenzuwirken.
 

Alexandra Senfft, Islamwissenschaftlerin, Journalistin, Publizistin, beschäftigt sich mit Themen wie den transgenerationellen Folgen des Nationalsozialismus, dem Dialog mit den Opfern und ihren Nachkommen, Antisemitismus, Muslim-Feindlichkeit und dem Nahostkonflikt.

2008 war sie Preisträgerin des ersten Deutschen Biographiepreises für ihr Buch „Schweigen tut weh. Eine deutsche Familiengeschichte“, in dem sie über den Umgang ihrer Familie mit dem Erbe ihres Großvaters Hanns Ludin
schreibt, der als Hitlers Gesandter in der Slowakei für die Deportation von über 60.000 Juden verantwortlich war und 1947 hingerichtet wurde.

2016 berichtet Alexandra Senfft nun in „Der lange Schatten der Täter“ in einer reportageartigen Erzählform von Gesprächen mit Menschen, die sich wie sie ebenfalls auf die Suche nach der Wahrheit in ihren jeweiligen Familiengeschichten gemacht haben. Auch,  um sich so von der "Last des Schweigens" zu befreien..
 

                      

So vorbildhaft die NS-Zeit in Deutschland akademisch und politisch bearbeitet wurde, so wenig ist sie bis heute im Privaten aufgeklärt. In vielen Familien gilt: Die Täter waren immer die Anderen. Trotz der staatlich und gesellschaftlich erarbeiteten Erinnerungsformen herrschen in der biografischen Aufarbeitung weiter Verdrängen und Verschweigen und verhindern die Auseinandersetzung auf der persönlichen, der menschlichen Ebene. ....  
Die ältere Generation hat einen Dialog mit der jüngeren in der Regel geflissentlich vermieden. Stattdessen hat sie verklärt, verleugnet und eisern geschwiegen. Schuld und Scham sind damit jedoch nicht beseitigt, vielmehr werden sie, ob verbal oder non-verbal, auf die Gefühlswelt der Kinder und Enkel übertragen.
...

(Ausschnitte aus dem Vorwort des Buches)


Es bleibt „unsere Aufgabe und Verantwortung, Licht auf ihre Handlungen zu werfen und uns der Wahrheit zu stellen.
Es ist höchste Zeit. Die Täter von damals werfen lange Schatten. Und neue Schatten ziehen auf“




Das Schweigen der Täter, unbearbeitete NS-Verbrechen und Traumatisierungen durch den Zweiten Weltkrieg wirken kaum bemerkt bis heute nach. Still prägen sie als 'vererbtes' Leid das Leben vieler Menschen, beschädigen Biografien und Beziehungen. Eingebettet in die aktuelle Forschung erzählt Alexandra Senffts Reise durch das Erinnern, wie das Schweigen zur Last wird.
 


Alexandra Senfft:
"Ich war zwar damit aufgewachsen, dass der Vater meiner Mutter ein Nazi war, und hatte dazu stets eine klare ablehnende Haltung. Doch auch ich hatte bis ins Erwachsenenalter nie genauer gefragt oder gar recherchiert, was seine Funktion als SA-Mann in Süddeutschland und dann als Gesandter in der Slowakei praktisch bedeutet hatte. Ich bin in das Leugnen und Schweigen hineingeboren worden und habe das verklärende Familiennarrativ lange unbewusst mitgetragen oder jedenfalls nicht hinterfragt. Früh stellte ich fest, dass ich meine Mutter mit jeder Frage nach meinem Großvater verletzte, und so tat ich, was Kinder in solcher Situation eben tun: Ich schonte sie durch Nichtfragen."

 ...
"
Ob mein Großvater Hanns Ludin sich im Zweiten Weltkrieg schuldig gemacht hat oder vielmehr ein »Opfer seiner Zeit« war, ist in der Familie meiner Mutter seit vielen Jahren Ursache eines nicht endenwollenden Streits. ... meine Mutter, meine Großmutter und andere Verwandte haben sich über die NS-Zeit sehr bedeckt gehalten und alles verschwiegen, was die Rolle meines Großvaters kritisch beleuchtet hätte. Im Vordergrund des familiären Narratives stehen bis heute sein vermeintlich vorbildlicher Charakter und seine guten Taten ... Er saß ja »nur« am Schreibtisch und warf weder das tödliche Gas in die Kammer, noch erschoss er Juden an der Grube. ...

Meine Verwandten, die sich auf diesen bewusst naiven Standpunkt zurückziehen, konnten sich damit bislang bestätigt fühlen und bequem zurücklehnen, schließlich kam ihnen die deutsche Rechtspraxis bis 2011 entgegen: Wem keine konkrete Schuld im Sinne eines eigenhändig verübten Mordes nachzuweisen war, der ging straffrei aus.
... "
 


(Quelle:Amazon)


»Es geht nicht um Abrechnung, sondern um die Frage, welche Verantwortung sich daraus im Umgang mit den politischen Problemen unserer Zeit ergibt. Das ist hilfreicher als jede spektakuläre Verurteilung eines 94-Jährigen. Senffts Buch ›Der lange Schatten der Täter‹ ist wie ein Eisbrecher für das gefrorene Meer in deutschen Familien.« (Stern)

» ...eine ungemein erhellende Erforschung der Schuld-Verstrickungen über Generationen hinweg. Mit ihrem persönlichen und individuell gefärbten Zugang ergänzt sie die akademische Sicht.«   (Schwäbische Zeitung)

»Ihr gelingt die Beschreibung des Vermischens von Schuld, Mitschuld und Unschuld, was die Taten der Großeltern und Eltern betrifft, sehr eindrücklich und nachvollziehbar. Ebenso eindrücklich schildert sie die Übertragung der Gefühlswelt auf die Kinder und Enkel durch stetes Verklären, Verleugnen und Verschweigen.« (ORF)
(Quellen)


Alexandra Senfft

Homepage - Piper-Verlag - Ullstein Fritz Agency Portrait
facebook

Beitrag. Radio Aktiv
Intellectures:  Erkenntnisse, die schmerzhaft sind - - choices
RFHABNC: (Reflections on Family History Affected by Nazi Crimes): „Der Leitfaden sollte immer die Menschlichkeit sein.“

Buchpalast - der Freitag - Körberstiftung - Schwäbisches Tagblatt - ORF - Deutschlandradio Kultur - Lernen aus der Geschichte -
Badische Zeitung - KreisMuseum Wewelsburg -

Spiegel 12.3.07:  Die tödliche Schuld
Zeit-online -

 




Film von Malte Ludin,
dem Onkel von Alexandra Senfft

Längst ist die Wahrheit über die Vergangenheit des Vaters aktenkundig, aber unter seinen Verwandten wird sie beschönigt, geleugnet und verdrängt - mit all der Leidenschaft, zu der nur Familienbande fähig sind.

Die NS-Familiengeschichte prägt als „vererbtes Leid“ noch immer das Leben vieler Menschen

https://images-eu.ssl-images-amazon.com/images/I/51IKmyigq-L._UY250_.jpg   Fremder Feind, so nah: Begegnungen mit Palästinensern und Israelis

"Verantwortung für damals ist auch Verantwortung für heute -
daher brauchen wir mehr Mut, uns der eigenen Geschichte zu stellen."

Nationalsozialistische Täterschaft in der eigenen FamilieNationalsozialistische Täterschaften in der eigenen FamilieNebelkinderZwischen Antisemitismus und IslamophobieDeutschland und Islrael/Palästina von 1945 bis heuteReise ins TeufelsmoorAlexandra's story 1974Klasse statt Masse


Foto: Judah Passow


Alexandra Senfft,
geboren 1961, Schulbesuch in Hamburg und Surrey/England, wo sie 1980 das englische Abitur besteht. 1982 – 87: Studium der Islamwissenschaft, Deutsche Literaturgeschichte und Englische Philologie an der Universität Hamburg. Sie war 1988 Nahostreferentin der Grünen-Fraktion im Bundestag, dann UN-Beobachterin in der Westbank und bis 1991 UN-Pressesprecherin im Gazastreifen. Anschließend war sie in verschiedenen TV-Sendern, u.a. für die Süddeutsche Zeitung, DIE ZEIT, die Frankfurter Rundschau, die Frankfurter Allgemeine Zeitung, die taz, die Jüdische Allgemeine, die Blätter für deutsche und internationale Politik, den Züricher Tages-Anzeiger und SPIEGEL-online als Reporterin und Redakteurin tätig.

Sechs Jahre lang war Alexandra Senfft Mitglied im Vorstand des Deutsch-Israelischen Arbeitskreises für Frieden im Nahen Osten diAk e. V. (Hamburg) www.diak.org. In dieser Funktion gab sie u. a. die Zeitschrift »Israel & Palästina« mit heraus, zeichnete für Presseerklärungen mit verantwortlich und organisierte mit ihren KollegInnen in Zusammenarbeit mit der Heinrich Böll Stiftung und der Evangelischen Akademie in Arnoldshain Nahost-Jahrestagungen mit internationalen ReferentInnen.  Im Jahr 2000 kam sie mit der Körber-Stiftung in Hamburg in Verbindung, für die sie seither wiederholt als freie Mitarbeiterin an verschiedenen Projekten gearbeitet hat. Im April 2016 erschien der Beitrag  Drei Generationen und eine Erinnerungsreise. Wie sich Narrative in Familien der Täter durchbrechen lassen in: Nationalsozialistische Täterschaften. Nachwirkungen in Gesellschaft und Familie - Oliver von Wrochem (Hg.)

Ihr Vater war der bekannte Medienanwalt und Publizist Heinrich Senfft, der im Januar dieses Jahres verstorben ist.


"War Opa ein Nazi? Das Schweigen über nationalsozialistische Täterschaft in der eigenen Familie hält oft bis heute an."

.     https://images-eu.ssl-images-amazon.com/images/I/51ahwGASW1L._SL500_SR87,135_.jpg https://images-eu.ssl-images-amazon.com/images/I/41xXtKqbjBL._SL500_SR82,135_.jpg https://images-eu.ssl-images-amazon.com/images/I/51elW1xNSqL._SL500_SR85,135_.jpg https://images-eu.ssl-images-amazon.com/images/I/416mrK0-agL._SL500_SR89,135_.jpg https://images-eu.ssl-images-amazon.com/images/I/61Z64uI6MgL._SL500_SR87,135_.jpg https://images-eu.ssl-images-amazon.com/images/I/51M6PqTmTaL._SL500_SR93,135_.jpg https://images-eu.ssl-images-amazon.com/images/I/51%2BeyPnuuVL._SL500_SR85,135_.jpg

»Irreführung in Familien ist weit verbreitet – sie kann die seelische Gesundheit nachwachsender Generationen beeinträchtigen. Die stärkste Motivation von Kriegsenkeln, Familiengeheimnissen auf den Grund zu gehen, ist die, das ungute Erbe mit seinen Nebeln und Irrlichtern nicht auch noch an die eigenen Kinder weiterzugeben. Darum räumen sie auf. Darum stellen sie Eltern und Verwandten unbequeme Fragen. Die emotionale Aufarbeitung hat begonnen, und wo sollte diese stattfinden, wenn nicht in den Familien.«
Sabine Bode in ihrer Einführung zum Buch Nebelkinder
 

 „Ich kann doch meinen Vater nicht in die Täterecke einreihen!“ - Entweder die Familie oder die Wahrheit verletzen

   

"Wer versteht, wie die eigenen, zumeist geliebten Eltern und Großeltern sich einer Diktatur gegenüber verhalten haben,
ist selbst hoffentlich weniger anfällig für Populismus, Hetzparolen und Missbrauch“ (Moritz Pfeiffer)

SWR2. Moritz Pfeiffer: Weggesehen? Befürwortet? Mitgewirkt? Nationalsozialismus und Holocaust als Teil unserer Familiengeschichten -

 
„Opa hatte keine Wahl.“ ...

https://images-eu.ssl-images-amazon.com/images/I/51Zp%2BtNQYIL._SL500_SR85,135_.jpg
Zeit-online 10.2013: Als eine der letzten Unternehmerfamilien haben die Oetkers ihre NS-Geschichte aufarbeiten lassen. Das Ergebnis ist bitter- Video
Süddeutsche Zeitung: NS-Politiker-Familiengeschichten
Sigmar Gabriel - Jürgen Trittin - Matthias Filbinger - Burkard Dregger - Manfred Rommel -  Arnold Schwarzenegger - Königin Silvia von Schweden -
 

Verein NS-Familien-Geschichte -  Der Tagesspiegel: Die eigene Familie als NS-Archiv
Arbeitskreis für Intergenerationelle Folgen des Holocaust, ehem. PAKH e.V. - Flyer -            Kriegsenkel -
Iris Wachsmuth: Beispiele geschlechtsbezogener Tradierungsweisen der NS-Familiengeschichte -
Yad Vashem - Margit Reiter:  elterliche Geschichten in den historischen Kontext einordnen und bewerten - Die Generation danach -
Lorke, Annette: Seelische Auswirkungen des Nationalsozialismus - pdf
 

  Chrismon: Was machte Großvater in der Nazizeit? Eine Anleitung zur Recherche -
Das narrative Interview